Die Weingeschichte Spaniens (1) – von den Phöniziern bis zum Rioja-Boom

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Wie so viele Kulturgüter und Waren stammt auch der Wein aus den Gebieten Eurasiens sowie dem Nahen, Mittleren und Fernen Osten. Im Kaukasus, genauer in Georgien, finden sich Zeugnisse der Weinbereitung, die bis ins Jahr 7000 v. Chr. zurückgehen. Gemeinhin gilt das Land als die Wiege des Weins. Doch bis heute kann niemand eine exakte Auskunft über den ersten Wein der Welt machen: In Babylon (heutiger Iran) oder China könnte es eventuell sogar noch früher Wein gegeben haben als in Georgien. 

Verglichen mit diesen Jahreszahlen gelangte der Wein eher spät nach (West-)Europa. Und zwar erstmals um das Jahr 1000 v. Chr. in den Mittelmeerraum. Als große Weinhändler taten sich die Phönizier hervor, die ursprünglich aus dem heutigen Libanon, Syrien und Israel kamen. Überall an den Küsten gründeten sie Städte und Handelsstationen. Den Wein, der im Hinterland angebaut wurde, verschifften sie im ganzen Mittelmeergebiet. Zu den ersten großen europäischen Weinländern stiegen somit das heutige Griechenland, Italien, Frankreich und Spanien auf. Bis heute hat sich diesbezüglich kaum etwas geändert. 

Die Phönizier – Wein als Handelsware

Eine der Stadtgründungen, die auf die Phönizier um 1000 v. Chr. zurückgeht, ist Cádiz. Wenig später – einige Kilometer landeinwärts von der südwestspanischen Atlantikküste – folgte Jerez. In jener Region, die heute als Sherry-Gebiet bekannt ist, dürfte die Wiege des Weinbaus in Spanien liegen. Wenngleich Málaga, Murcia und Valencia dank der Phönizier ebenfalls früh dran waren und fast zeitgleich mit der Weinerzeugung begonnen haben. 

Zur Zeit der Phönizier waren die Weine süßer und alkoholischer als heute. Zucker und Alkohol konservieren, und das machte die Weine für den Schiffstransport besser haltbar. Nach allem, was heute bekannt ist, wurde Wein von den Phöniziern in Terrakotta-Amphoren gelagert und verschifft.

3000 Jahre alte Weinkultur in Valencia. Thema Weingeschichte.
Für uns mag das wie ein mehr oder weniger gewöhnlicher Stein aussehen. Doch Archäologen finden darin die Spuren einer fast 3000 Jahre alten Weinkultur, die auf die Phönizier zurückgeht. Hier im Hinterland von Valencia (Foto: © Bodegas Vegalfaro).

Griechen und Römer – neue Innovationen in Weinbau und Weinbereitung

Während der Herrschaft der Griechen und später der Römer wurde weiter eifrig Weinbau an den Ost- und Südküsten Spaniens betrieben. Die Römer erschlossen außerdem neue Gebiete im Landesinnern: Etwa ab 200 v. Chr. bauten sie die Verkehrswege aus und brachten somit den Wein und den Weinbau in Regionen wie Rioja und Valdepeñas und selbst bis ins entlegene Galicien. Darüber hinaus erlebten die katalanische Hafenstadt Tarragona und deren Hinterland einen riesigen (Wein-)Aufschwung. Tarragona wurde zum Hauptversorger des Römischen Reichs mit vergorenem Traubensaft.

Die Römer sind für den Weinbau auch deshalb so wichtig, weil sie wichtige Innovationen einführten. Vieles was heutzutage im Qualitätsweinbau angesagt ist, kannten die Römer bereits, bzw. sie führten es ein: Da wäre zum Beispiel die Ertragsreduzierung der Trauben am Rebstock sowie die Traubenselektion, also das Aussortieren verdorbener Trauben bzw. Beeren vor der Vergärung. Die Römer verwendeten ebenfalls schon Schwefel, um den Wein zu stabilisieren. Wenn Ihnen heute also Naturweinfreaks erzählen, dass Schwefel ein neumodisches Teufelszeugs sei, dann lächeln Sie am besten nur milde darüber.

Sowohl Rot- als auch Weißweine wurden von den Römern auf den Schalen vergoren. So entstanden farbkräftige Weißweine, die wir heute als Orange Wine bezeichnen. Orange Wine gilt als neuer Trend, das Phänomen an sich ist schon sehr alt. Darüber hinaus verstanden es die Römer ganz unterschiedliche Weinstile von trocken bis sehr süß zu keltern. Eine weitere römische Innovation war die Einführung von Glasflaschen zur Weinlagerung.

Die Mauren – ein bisschen Wein darf sein

Im 8. Jahrhundert eroberten die Mauren weite Teile Spaniens und gründeten das Emirat Al-Andaluz, der Namensgeber für das heutige Andalusien. 

Entgegen dem, was im Internet häufig zu lesen ist, war Alkohol unter den muslimischen Herrschern zuerst nicht verboten. Sie tranken ihn sogar selbst, wie zahlreiche literarische Referenzen belegen. Auch waren die maurischen Herrscher recht tolerant gegenüber der jüdischen und christlichen Bevölkerung und ließen sie ihren Gewohnheiten und wirtschaftlichen Praktiken nachgehen. Reben wurden also weiterhin in beachtlichem Maße angebaut. Neben Wein wurden vor allem Tafeltrauben und Rosinen daraus gewonnen. 

Rosinen werden heute noch in Andalusien erzeugt. Um sie zu erhalten, werden die Trauben auf Strohmatten ausgelegt und so lange unter der Sonne getrocknet, bis sie schrumpeln. Dieses „asoleo“ genannte Verfahren ist in Andalusien weit verbreitet und auf die maurische Zeit zurückzuführen. Neben Rosinen werden heute hauptsächlich die berühmten andalusischen Süßweine aus PX und Moscatel mit dieser Methode des Flüssigkeitsentzugs in den Beeren gewonnen. Fernerhin brachten die Mauren eigene Rebsorten mit nach Andalusien, darunter die Tafeltraube „Gibi“, aus der die heute weithin bekannte PX (Pedro Ximénez) aus einer Kreuzung hervorging. 

Ab dem 11. Jh. übernahmen religionskonservativere und fundamentalistischere Strömungen die Herrschaft, und fortan hatten es Weinbau und Weingenuss im von den Mauren beherrschten Teil Spaniens deutlich schwieriger. Die maurischen Regenten schränkten Weinhandel und Weingenuss stark ein, ganz zum Erliegen kam der Weinbau allerdings nicht.

Asoleo in Andalusien.
In Andalusien, wie hier in der Axarquia, werden Trauben zum Trocknen in der Sonne ausgelegt. Daraus werden Süßweine oder Rosinen gewonnen (Foto: © Thomas Götz).

Die Zeit der Klöster – Rekultivierung und Erschließung von Weinland

Im Norden Spaniens hielten sich einige christliche Königreiche, und mit der Zeit gewannen sie an Macht, Stärke und Territorium hinzu. Mit der vollständigen Rückeroberung Spaniens (Reconquista) durch diese christlichen Könige im Jahr 1492 ging die Zeit der Mauren zu Ende. 

Im Zuge der alten-neuen christlichen Regentschaft nahmen die Weinerzeugung und der Weinhandel wieder deutlich an Fahrt auf. Dies betraf zum einen die traditionellen Küstenregionen in Andalusien und ebenso zentrale und nördliche Landesteile: In Gebieten wie Rioja, Aragon und Navarra sind die heutigen Hauptsorten Tempranillo, Garnacha und Cariñena schon seit dem 12. Jahrhundert im Anbau.

Insbesondere Klöster bzw. Mönche spielten im Mittelalter und bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle bei der (Re-)Kultivierung und Neuerschließung von Weinland in den nördlichen Gebieten Spaniens. Zum Beispiel entstand in Galicien in Ribeira Sacra (deutsch: Heiliges Ufer) dank der zahlreichen Klöster eine riesige Weinlandschaft mit terrassierten Steillagen entlang der Flüsse Miño und Sil. Ein Bruchteil dieser terrassierten Weinberge ist heute noch zu bestaunen. Die meisten sind aufgrund von Landflucht und der Schließung der Klöster jedoch verwildert.

Jerez und Málaga: Andalusien wird zum Exportschlager

Málaga und Jerez – dort wo der Weinbau auf der iberischen Halbinsel etwa ab 1000 v. Chr. seinen Urspung hatte – starteten ab dem 16. Jahrhundert so richtig durch: Sherry und der sogenannte Málagawein wurden zu weltweiten Exportschlagern. Insbesondere im 17. und 18. Jahrhundert erlangte Sherry eine enorme Popularität in Großbritannien. Doch auch der Vino de Málaga stand dem Sherry in punkto Beliebtheit in nichts nach: Sogar von Goethe wissen wir, dass er den süßen Wein aus Málaga trank und schätzte. 

Nicht nur, dass Briten, Deutsche und Niederländer den Sherry und Málagawein als Genussmittel liebten; sie ließen sich auch in Andalusien nieder, um damit Handel zu treiben. Die Namen großer Erzeuger wie Osborne, Lustau und Sandemann zeugen bis heute davon. 

Vino de Málaga war bis ins 19. Jh. ein Exportschlager (Foto: © Thomas Götz)

Erster Cava und Rioja-Boom: die Einführung wegweisender Kellertechniken

Mit Málaga und Jerez hatten sich im 19. Jahrhundert zwei spanische Weinregionen als weltweite Größen fest etabliert. Folglich waren es Süßweine aus der PX- und Moscatel-Traube sowie gespritete Weine wie Amontillados und Olorosos, für die Spanien bekannt war. Auch das andalusische Cordoba legte im Windschatten von Jerez und Málaga an Bedeutung zu.

Etwa ab 1870 traten mit „Cava“ und Rioja dann zwei neue Player aus dem Norden in Erscheinung: Die heutige Cava-Erzeugung geht auf Josep Raventós vom Weingut Codorníu zurück. Raventos und Codorniu sind bis heute zwei große Namen im Geschäft. Josep Raventos erlernte in Frankreich die Champagnererzeugung. 1872 füllte er im heimischen Katalonien dann den ersten flaschenvergorenen Schaumwein ab. Bis der spanische Cava (damals hieß er noch Champagner) berühmt werden sollte, verging noch eine Weile. Aber ein Grundstein war schon einmal gelegt. 

Anders die Rioja: In den 1870er-Jahren entdeckten Weinhändler aus dem Bordeaux die Region für sich. Die Reblaus hatte zu dieser Zeit viele Weinberge in Frankreich zerstört, und wegen des fehlenden Nachschubs wurden ihre Weinlager immer kleiner. Die Bordeaux-Händler schauten sich nach neuen Gebieten um und wurden auf der anderen Seite der Pyrenäen fündig: In der Rioja errichteten sie neue Weinlager, und französische Kellermeister führten neue Kellertechniken wie die Verwendung der kleinen 225-l-Barriques zur Reifung der Weine ein. Für die Weinbereitung im boomenden Rioja und später in ganz Spanien waren dies wegweisende Neuerungen.

Doch auch die iberische Halbinsel blieb von der Reblaus nicht verschont. 1878 trat sie erstmals in Málaga auf und vernichtete in der Folge hunderttausende Hektar Weinberge. Wie es mit dem Weinland Spanien von da an weiterging, davon in Kürze mehr im zweiten Teil dieser Reihe.


Weitere Infos:

Titelbild: La Bodega de las Estrellas, Valdepenas (Foto: © Thomas Götz)

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