Im ersten Beitrag unser vierteiligen Serie über spanische Weinklassiker ging es um fünf legendäre Weingüter in der Rioja. Im diesem zweiten Teil schauen wir auf die zwei anderen bedeutenden spanischen Rotweinregionen Ribera del Duero und Priorat und stellen von dort fünf Erzeuger und deren Kultweine vor. Allesamt sind es Weltklasse-Weingüter, die zu den renommiertesten und führenden Spaniens zählen.
Ribera del Duero und seine Rotweine der Superlative
Beginnen wir mit Spaniens teuerstem Wein Pingus. Dieser sortenreine Tempranillo aus Ribera del Duero hat in kurzer Zeit einen kometenhaften Aufstieg erlebt. Seit dem ersten Jahrgang 1995 erhielten fünf Jahrgänge dieses Rotweins volle 100 Parker-Punkte.
Das Weingut nennt sich Dominio de Pingus, und der Kopf dahinter ist der aus Dänemark stammende Weinmacher Peter Sissek. Er war bereits Önologe bei Hacienda Monasterio im Anbaugebiet Ribera del Duero, ehe er 1995 vier Hektar Land für sein eigenes Pingus-Projekt erstand. Der Preis für seinen Pingus 1995 lag anfangs bei etwa 20 Euro die Flasche. Heute kommt bereits ein junger Jahrgang jenes Weins zum Handelsstart auf über 1000 Euro.
Zum Pingus gibt es eine wahre Anekdote: Der erste Jahrgang 1995 kam zwei Jahre später auf den Markt. Nur etwa 4000 Flaschen betrug die Auflage des Weins. Im November 1997 ging ein Transportschiff auf dem Weg in die USA im Atlantischen Ozean unter. Mit an Bord: 75 Boxen bzw. 900 Flaschen dieses ersten Pingus-Jahrgangs. Das Angebot wurde somit noch knapper, und daraufhin schoss der Weinpreis geradezu durch die Decke: Innerhalb kurzer Zeit kostete eine Flasche 500 Dollar und Pingus war quasi im Nu – natürlich ebenfalls dank erstklassiger Kritikerbewertungen – ein Prestigewein.
Schon viel länger als Pingus gibt es das wenige Kilometer entfernte Weingut Vega Sicilia. Dessen Unico wird seit über 100 Jahren gekeltert. Zu nachhaltigem Weltruhm und Kultstatus gelangte der Unico aber erst unter der Ägide seiner heutigen Eigentümer, der Familie Alvarez, die das 1864 gegründete Weingut im Jahr 1982 erstand.
Dem Unico wird ein sagenhaftes Reifepotenzial von locker 50 Jahren und mehr nachgesagt. Sicher hat dieser Umstand mit der aufwändigen Weinbereitung zu tun: Die alkoholische Gärung mit autochthonen Hefen findet in Holzfudern statt. Im Anschluss wird der Wein für sechs Jahre in Holzfässern diverser Größe und Art ausgebaut. Zum Einsatz kommen neue wie gebrauchte Barriquefässer aus amerikanischer und französischer Eiche und selbst große Holzbottiche mit 20.000 Litern Fassungsvermögen. Es geht darum, die perfekte Balance für den Wein zu finden. Ein Wein, der lange im Holz ausgebaut wird, benötigt freilich ein längeres Flaschenlager. Bevor ein Unico in den Verkauf geht, sind dies mindestens drei Jahre. Öffnen sollte man ihn dann aber noch nicht. Wie gesagt: Ein Unico reift lange, ehe er den Höhepunkt erreicht.
Im Gegensatz zu Pingus ist der Unico kein sortenreiner Tempranillo. Der Rotwein wird stets mit Cabernet Sauvignon verschnitten. Allerdings muss man sagen, dass der Anteil der Cabernet Sauvignon stets geringer wird und inzwischen im einstelligen Prozentbereich liegt. In den frühen Jahrgängen wurden sogar Sorten wie Malbec, Merlot und die weiße Albillo Mayor in der Cuvée mit Tempranillo und Cabernet Sauvignon vermählt. Heute ist dies nicht mehr der Fall.
Pingus und Unico sind übrigens die einzigen zwei spanischen Weine, die im “Liv-ex” aufgeführt sind: Jener Liv-ex ist der weltweit wichtigste Preisindex für Premiumweine – ein Barometer, an dem sich Sammler und Anleger orientieren. Man kann also sagen, dass zumindest in dieser Hinsicht Ribera del Duero die Nase vor Rioja und Priorat hat.

Als die D.O. Ribera del Duero im Jahr 1982 gegründet wurde, waren nur 24 Weingüter an die Appellation angeschlossen. Heute sind es mehr als 400 Weingüter, welche dem DO-Gebiet angehören. Dieser nahezu 2000-prozentige Zuwachs hat auch mit der Winzerlegende Alejandro Fernández zu tun. In seinem Weingut Tinto Pesquera schuf er in den 1980er-Jahren einen neuen Ribera-Stil: Fruchtige, körperreiche und alkoholische Rotweine mit viel Konzentration und Kraft. Der weltweit einflussreichste Kritiker Robert Parker zeigte sich von den Pesquera-Weinen begeistert, und so wurde dieser Stil ein Leitmotiv für Ribera del Duero und ein Garant für den Aufstieg und Erfolg der Region.
Alejandro Fernández stammt aus armen Verhältnissen und hat es weit gebracht. Heute ist er 89 Jahre alt und immer noch im Weingut aktiv, wenngleich die Hauptarbeit andere übernommen haben. Sein Rotwein Pesquera Reserva ist im Gegensatz zu den vorangegangenen Weinen Pingus und Unico auch für Normalverdiener bezahlbar und bis heute das beste Beispiel für einen Weinstil, der Ribera del Duero etwa ab Ende der 1980er-Jahre berühmt gemacht hat.
Priorat ganz oben – Kultweine aus Garnacha
Um 1990 erlangte mit dem Priorat ein weiteres spanisches Anbaugebiet weltweite Aufmerksamkeit. Eine Gruppe von Freunden erzeugte Rotweine – hauptsächlich aus der Rebsorte Garnacha – die anders waren, als was man bis dato aus Spanien kannte: Mineralisch, mit konzentrierter Frucht und weniger von Holz geprägt als Rioja und Ribera del Duero.
Zu dieser Gruppe von Weinmachern gehörte unter anderem Alvaro Palacios. Sein Rotwein L’Ermita ist sicher der bekannteste und gleichzeitig teuerste Wein des Priorat. Wir liegen bei um die 1000 Euro die Flasche für einen aktuellen Jahrgang. Bei einer Bewertung mit 100 Parker-Punkten – wie für den Jahrgang 2013 – kann sich dieser Anfangspreis auch schnell mal verdoppeln.
L’Ermita wird aus der Hauptsorte Garnacha gewonnen und enthält stets auch einen kleineren Anteil Cariñena, je nach Jahrgang 5 bis 20 Prozent. Diese beiden Rotweintrauben sind typisch für jenes schroffe Berggebiet mit seinen berühmt-berüchtigten Licorella-Schieferböden. Die vielen kleinen Parzellen befinden sich nahe der Ortschaft Gratallops. Der Boden in den nordöstlich ausgerichteten Weinbergen ist kalt, so dass die Ernte für L’Ermita erst Ende Oktober bzw. Anfang November stattfindet. Erstaunlich spät für diese heiße mediterrane Region.
Alvaro Palacios ist einer der gegenwärtigen Starwinzer Spaniens. Er entstammt – man kann es fast so sagen – einer Weindynastie. Ursprünglich kommt er aus der Rioja, wo das Elternweingut Palacios Remondo ansässig ist. Alvaro selbst wurde durch seine Weine aus dem Priorat berühmt. Darüber hinaus ist er mit seinem Neffen Ricardo Pérez Palacios im Bierzo aktiv. Das Weingut heißt Descendientes de J. Palacios: Für die sortenreine Mencía La Faraona erhielten sie gerade erst 100 Parker-Punkte. Man sieht: Unter absoluter Weltklasse macht es Alvaro Palacios nicht. Das selbe gilt für seinen jüngeren Bruder Rafael Palacios, der im galicischen Valdeorras die wohl besten Weißweine Spaniens aus der Godello-Rebe keltert.
Auch die Weinmacherin Daphne Glorian war Teil jener Gruppe um Alvaro Palacios und (dem bisher nicht genannten) Rene Barbier, die das Priorat berühmt machte. Daphne Glorian stammt aus der Schweiz und erstand 1988 einige terrassierte Parzellen im Priorat, unter Vermittlung unter anderem von Alvaro Palacios. Später gründete sie das Weingut Clos Erasmus, welches sie mittlerweile in Clos i Terrasses umbenannt hat. Der Name des Kultweins Clos Erasmus bleibt hingegen bestehen. Es handelt sich einmal mehr um einen jener legendären spanischen Weine, die mehrfach 100 Parker-Punkte erhalten haben. Daphne Glorian keltert ihn aus der Hauptsorte Garnacha und verschneidet diese, abhängig vom Jahrgang, mit 10 bis 25 Prozent Syrah. Auch der Clos Erasmus fällt mit ca. 250 Euro Anfangspreis eher in die Kategorie hochpreisig. Dennoch ist er unter Liebhabern heiß begehrt und schnell vergriffen.