Tempranillo – Spaniens Nationalrebe

by on

Tempranillo. Keine Rotweinsorte wird in Spanien häufiger angebaut, und keine spanische Traube ist international bekannter. Aus ihr entstehen die berühmtesten Rotweine des Landes wie der Pingus, der Único oder die Tondonia Gran Reserva.

Was hat es mit dem Zauber der Sorte auf sich? Lassen wir zuerst die renommierte Kritikerin Jancis Robinson zu Wort kommen: Sie preist die Rebe als „Vereinigung von Cabernet Sauvignon und Pinot Noir“. Die Tempranillo, schreibt Frau Robinson, berge die positiven Eigenschaften der Pinot Noir und der Cabernet Sauvignon in sich.

An dieser Charakterisierung ist durchaus etwas dran. Denn wie Pinot Noir kann die Tempranillo mit feiner Säure und weicher Textur einen eleganten Eindruck am Gaumen entfalten. Mit der Cabernet Sauvignon wiederum gemeinsam hat sie die Fähigkeit, beachtliche Gerbstoffe zu entwickeln und Weine lange haltbar zu machen.

Über die Ursprünge der Rotweinsorte, ihre Charaktereigenschaften und ihre bekanntesten Weingebiete informieren wir in diesem Beitrag.

Tempranillo-Trauben vor der Weinlese
Tempranillo-Trauben kurz vor der Lese

Die Ursprünge der Tempranillo liegen im Ebro-Tal

Tempranillo bedeutet wörtlich übersetzt „Frühchen“ (abgeleitet von „temprano“, zu Deutsch: früh). Der Name kommt nicht von ungefähr: Denn die Tempranillo reift schneller als andere rote Sorten und wird somit auch früher geerntet als beispielsweise Garnacha oder Cabernet Sauvignon.

Rebsortenforscher haben herausgefunden, dass der Ursprung der Sorte im oberen Ebrotal liegt, irgendwo im heutigen Grenzgebiet von La Rioja und Aragon. Hier ist die Rebe aus einer wilden Kreuzung der weißen Albillo und der roten Sorte Benedicto hervorgegangen.

Aus dieser Ur-Kreuzung sind im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Typen entstanden. Genetisch betrachtet, gibt es nicht die eine Tempranillo, sondern mindestens sieben unterscheidbare Familien. Gemein haben sie, dass die Trauben aus kleinen dickschaligen Beeren bestehen, die dem Wein viel Farbe und Extraktstoffe verleihen.

Für Weinkonsumenten ist es nützlich zu wissen, dass nicht immer Tempranillo drauf steht, wo Tempranillo drin ist: Denn viele spanische Regionen verwenden traditionell einen eigenen Namen für die Rebe: Ull de Llebre (Katalonien), Cencibel (La Mancha, Valdepeñas), Tinto Fino, Tinta del País (Ribera del Duero), Varetuo (Granada), Tinta de Toro oder Tinto de Madrid. In Portugal heißt die Sorte Aragonés und Tinta Roriz.

Rotweine aus Tempranillo und ihr Geschmacksprofil

Aromatisch wird der Tempranillo ein breites Spektrum zugesprochen, das rote und dunkle Frucht, florale Noten, Leder, Lakritz oder Dörrobst enthält.

Wie die Rotweine letztlich riechen und schmecken und wie sie sich anfühlen, hängt stark von der Weinbereitung ab. Im Holz ausgebaut und bei langer Maischestandzeit können sie zu echten Kraftprotzen mutieren – superkonzentriert und reich an Tannin. Ein Tempranillo kommt mitunter aber auch schlank, weich, mit transparenter Frucht und feiner Säure daher. Diese Vielseitigkeit macht die Sorte so interessant und speziell.

Tempranillo-Weinberg in Andalusien
In ganz Spanien ist die Tempranillo im Anbau beliebt, wie hier in Andalusien

Ein weiterer Faktor ist das Terroir: Da die Sorte in ganz Spanien von den Pyrenäen im Norden bis zum südlichen Andalusien verbreitet ist, gedeiht sie in völlig verschiedenen Klimazonen und auf unterschiedlichsten Böden. Ob lehmiger Untergrund in der Extremadura, ob Schotterfelder in Toro oder schiefrige Hochlagen in Granada – die Tempranillo kommt überall klar und ergibt ausgezeichnete Qualitäten. Zugleich bedeutet dies aber auch, dass die Moste aufgrund dieser verschiedenen Standorte sehr unterschiedlich ausfallen.

Besonders gut, heißt es, harmoniere die Rebe mit Kalkböden. Neben dem mineralischen Profil hinterlassen diese gerne einen samtigen und weichen Gesamteindruck. Von “Eleganz, Finesse und Komplexität” spricht der Weinkritiker José Penin in Bezug auf Tempranillo-Gewächse mit hohem Kalkeinfluss.

Nun, wo wir gerade von Kalkböden sprechen, kommen wir quasi selbstredend auf die zwei großen und bedeutenden Tempranillo-Weingebiete: Rioja und Ribera del Duero.

Die berühmten Tempranillo-Weingebiete:

Die Tempranillo hat einen bemerkenswerten Siegeszug auf der iberischen Halbinsel hinter sich. Im Jahr 2009 waren 200.000 Hektar der Sorte im Anbau (was der doppelten Rebfläche aller Anbaugebiete Deutschlands entspricht). Besonders berühmt sind dabei die Weine aus den Anbaugebieten Rioja und Ribera del Duero.

Tempranillo in Rioja

Die DOCa Rioja ist nach der DO La Mancha das zweitgrößte Anbaugebiet Spaniens. Die Appellation ist in die Zonen Rioja Alavesa, Rioja Alta und Rioja Baja gegliedert. Kalkhaltige Böden sind vor allem im baskischen Alavesa und Rioja Alta reichlich vorhanden. Dort sind auch die bekanntesten Weingüter ansässig. Zu den großen Namen zählen unter anderem Muga, López de Heredia (Tondonia) oder Marques de Murrietta (Castillo Ygay).

Die Tempranillo ist die mit Abstand wichtigste Rebsorte des Rioja. Sie nimmt dort 75 Prozent der gesamten Rebfläche (65.000 Hektar) ein. In der klassischen Weinbereitung wird die Traube mit geringen Anteilen aus Sorten wie Graciano, Garnacha oder Mazuelo (Cariñena) verschnitten. Dies geschieht, um beispielsweise das Säuregleichgewicht zu verbessern oder einen weicheren Geschmack herbeizuführen.

Traditionell wird die Tempranillo in Rioja im Holzfass ausgebaut. Legendär ist beispielsweise die Tondonia Gran Reserva, ein Wein der zehn Jahre in Eichenfässern und weitere zehn Jahre in der Flasche reift, ehe er in den Handel gelangt.

Tempranillo-Weinberg in Andalusien
Ausbau in Barriquefässern

Doch auch am Rioja zieht der gegenwärtige Trend einer „fruchtbetonten“ Weinbereitung mit behutsamem Holzeinsatz nicht so einfach vorbei: Mittlerweile erfahren viele Weine einen Ausbau überwiegend im Stahltank und werden so erzeugt, dass sie bereits in jungen Jahren trinkbar sind.

Unsere Weintipps für Rioja:
Altun Reserva 2013 (Klassischer Stil: Röstaromen, Tabak, gute Struktur, komplex)
Albiker 2018 (Moderner Stil: fruchtbetont, straff und frisch)

Tempranillo in Ribera del Duero

Bevor der Douro bei Porto in den Atlantik mündet, fließt er durch Spanien und heißt Duero. Entlang dieses Flusses liegen einige vorzügliche Weingebiete, das international renommierteste ist Ribera del Duero.

Das Anbaugebiet erstreckt sich auf einer Hochebene nördlich von Madrid, die sich durch ein kontinentales Klima mit starken Unterschieden von Tag- und Nachttemperatur auszeichnet. Hier hat sich der Fluss Duero über Jahrtausende in die Hochebene eingegraben und an den dabei entstehenden Hängen kalkige Erde freigelegt. Ein perfektes Terroir für die Tempranillo.

In der DO Ribera del Duero ist der Stellenwert der Rebe sogar noch höher als im Rioja. Zwar kommt die Appellation „nur“ auf 20.000 Hektar Anbaufläche. Diese sind allerdings zu über 90 Prozent mit Tempranillo bestockt. Entsprechend wird die Sorte, die hier oft Tinta del País oder Tinto Fino genannt wird, öfter sortenrein abgefüllt als im Rioja.

Mit dem Pingus (Dominio de Pingus) und dem Único (Vega Sicilia) stellt Ribera del Duero die wohl zwei berühmtesten Weine Spaniens. Erstgenannter wird reinsortig aus Tempranillo gekeltert, während Letzerer mit einem geringen Anteil Cabernet Sauvignon verschnitten ist. Beide diese Kultweine zeigen auf beeindruckende Weise, was in Spaniens Nationalrebe alles steckt: Sie vereinen unbändige Kraft mit Weichheit, Eleganz und Frische. Sie sind ferner aromatisch komplex und lange lagerfähig (der Único bis zu 50 Jahre). Das einzige Problem: Beide Weine sind extrem teuer.

Es gibt glücklicherweise günstigere und ausgezeichnete Alternativen wie diese:

Unser Weintipp für Ribera del Duero:
Carramimbre Crianza 2016 (Kraftvoll, gute Säure, aromatisch. Benötigt Belüftung vor dem Genuss.)

Fazit: Eine Rebe, viele Regionen und Stile

Die Tempranillo ist eine äußerst anpassungsfähige Rebe. Das macht sie als Anbausorte in ganz Spanien so beliebt. Darüber hinaus ist die Traube aromatisch vielschichtig und in der Stilistik variabel: Vom konzentrierten Kraftprotz bis zur vornehmen und eleganten Dame ist stilistisch alles drin. Zum besseren Kennenlernen der Weine empfehlen wir die Tempranillo-Seite in unserem Vino&Alma-Shop.

You may also like

Leave a Comment

Your email address will not be published.